Jammertour im Feld

03. Februar 2017 | Leipzig

Erfolge und Misserfolge beim Jammern.

Wir alle kennen das, als Selbständige stellen wir enorme Ansprüche an die Qualität unserer Arbeit. Und wenn wir in der Welt da draußen unterwegs sind, stellen wir auch Ansprüche an die Arbeit der anderen.

Ganz ohne den Vorsatz zu jammern ging ich für die Kollegin einen Blumengruß kaufen. Da ich, ganz Geschäftsfrau, dachte, dass die Blumenverkäuferin einen runden Topf mit Gewächsen darin viel professioneller als ich einpacken kann, bat ich freundlich um diese alltägliche Dienstleistung.

Dann spielte sich folgende Szene ab:
A: Könnten Sie mir das bitte als Geschenk einpacken?
B: Folie oder Papier? Kostet 1 Euro extra.
A: Ok, ja. Papier bitte.
B: Kostet trotzdem 1 Euro! Grün oder cremefarben? (Arm deutet auf grünes Packpapier, nichts deutet auf cremefarbenes. A´s suchender Blick wird mit Achselzucken beantwortet.)
A: (Achselzucken, aufkeimende Abenteuerlust) Cremefarben!
B: (arbeitet und es entsteht C – siehe Foto)
C: (knistert leise)
A: Entschuldigung, ist das die Geschenkverpackung?
B: Ja, geht nicht anders.
A: Ähm, ich bin nicht sicher, ob wir das gleiche meinen.
B: Sie wollten doch cremefarbenes Papier.
A: Oh, das hatte ich mir eigentlich etwas hübscher vorgestellt. Etwas ebenmäßiger und mit etwas Schleifenband. (Macht Gesten rund um den verpackten Topf.)
B: Das mach ich dann nur mit Folie! (Tippt den Preis in die Kasse.)
A: Naja, eine Schleife werde ich zu Hause schon noch finden.
B: (nickt)
A: Sie wundern sich, dass ich jetzt so lache: Ich stelle mir nur gerade vor, wie ich das meiner Geschäftspartnerin als Geschenk überreiche.
B: (nennt den Preis inkl. 1 Euro Aufschlag)
A: (überlegt kurz, einfach zu gehen, wischt sich eine Träne aus dem Auge und zahlt dann den Preis inkl. 1 Euro Aufschlag)
B: Beleg?
A: Nur interessehalber (Blickkontakt): Was unterscheidet diese Verpackung von der, die sie kostenlos als Transportschutz anbieten?
B: Da ist unser Logo nicht drauf.
Nächste Kundin tritt an den Verkaufstisch. A ab.

Warum ist diese Szene im Zusammenhang mit unserer Jammertour interessant. Ich denke, aus mindestens zwei Gründen – zuerst gäbe es mehrere Momente, aus denen sich ein schönes Jammerthema entwickeln ließe, und ferner kann man hier beobachten, wie zwei der Methoden, die wir bei der Jammertour vorstellen, eingesetzt werden.

Jammern könnten sowohl A als auch B.
A könnte natürlich darüber jammern, wie schlecht der Service im Blumenladen ist, dass dafür noch Geld verlangt wird, dass dieses Geknülle als Geschenkverpackung verkauft wird, überhaupt, dass Leute, die Kunststoff-Folien bevorzugen, die ja viel umweltschädlicher sind, immer bevorzugt behandelt werden, und natürlich, dass sie sich eine solche Leistung als Selbständige niemals erlauben dürfte.

B könnte natürlich darüber jammern, dass sie so schlecht bezahlt wird für ihre Arbeit, dass manche Kunden einfach nicht verstehen, dass Geschenkverpackungen nur mit Folie funktionieren, dass sie für einen Euro verlangen, es sähe aus wie für drei, dass sie diskutieren und die Schlange hinter ihnen immer länger wird, dass sie einfach nicht wieder gehen, dass ihr verdammt die Füße weh tun – so kurz vor Feierabend.

Ich bleibe mal bei A, mit der habe ich mehr Erfahrung. Ihr wird das Jammern nicht leicht gemacht, weder von sich selbst, noch von B.
A erschwert sich das Jammern zeitweilig durch spontanes Lachen, das fast den gesamten Heimweg anhält. Zudem wendet sie ganz professionell einen Perspektivwechsel an, macht einen kleinen Zeitsprung, denkt die Sache zu Ende und erlaubt sich die Frage: Was passiert, wenn ich das so doof finde, dass ich das jetzt einfach hier stehen lasse und gehe? Oder sogar noch nach der Filialleitung gefragt hätte?

Auswahl an Antworten:
1. Ich stehe ohne Blumen da und muss in einen anderen Laden gehen.
2. Die Verkäuferin wird eher den Blumentopf beiseite stellen und die weiteren Kundinnen und Kunden bedienen als innezuhalten und zu analysieren, warum das Geschäft nicht zustande gekommen ist.
3. Ohne das Zielobjekt entgeht mir eine verdammt gute Geschichte – das muss man gesehen haben, um es zu glauben.

B wendet als Methode die „Konfrontation mit der Realität“ an und antwortet gelassen bei jedem Versuch, etwas Schlechtes zu finden, mit klaren Fakten: Papierfarbe, Logo, Folie, Preis. Dazu bestätigt sie konsequent die Annahmen von A: Cremefarben (nickt), Schleife zu Hause finden (nickt), Kartenzahlung (nickt).

Ganz ansatzweise lassen sich in der Schlussphase des Dialogs noch Spuren der „Ja, UND…!-Übung“ entdecken. Nur, dass A mit sich selbst spielt und die Situation immer eine Stufe zu verschärfen sucht. Doch dann greift hier, und das viel deutlicher, die Methode, die Aufmerksamkeit des Jammernden auf ein anders Objekt zu lenken: A wird zum Zahlen aufgefordert. („Raus aus der Situation, bevor Aufregung und Konfrontation Einzug hält.“)

Fazit für mich: Ich kreuze mir im Jammerlappenbingo heute das „eigentlich“ an und linse mal in die Geschenkverpackung, wie es den Pflanzen geht.
Fazit für alle, die an der Jammertour teilnehmen und teilgenommen haben: Ausprobieren, ausprobieren, ausprobieren – und uns die besten Geschichten schicken.

Wir freuen uns drauf und sagen Danke.