Höher, schneller, weiter – aber wohin eigentlich? Vom Wachstum und der Selbstständigkeit

10. Dezember 2018 |

Wer an seiner Selbstständigkeit schraubt und feilt, nennt das Unternehmen oft sein „Baby“. Der Vergleich passt ja irgendwie. Wie bei einem Baby freut man sich über jeden Fortschritt, erst wackelig, dann immer sicherer. Man kämpft nächtelang mit „Kinderkrankheiten“ und investiert viel Zeit, Kraft und Liebe ins wachsende Etwas, das immer größer, stabiler und eigenständiger wird, bis es – hoffentlich – auf eigenen Füßen steht. So weit, so gut. Und jetzt?

Der klassische Weg von Baby und Unternehmen ist: Aufwärts. Wohingegen ein Mensch irgendwann ausgewachsen ist, hat das Wachstum eines Unternehmens praktisch keine Begrenzung nach oben.

Die klassischen Aufgaben bleiben die gleichen. Konsequent den Bekanntheitsgrad erhöhen, den Kundenstamm pflegen, das Produkt weiterentwickeln und (perspektivisch) Personal einstellen – das kleine Einmaleins der Selbstständigkeit. Gleichzeitig steigt mit wachsendem Erfolg auch der Umsatz, im besten Fall ist der Break Even bald erreicht und die vorgeschossenen Investitionen in Büro & Co. wieder drin. So kehrt langsam der Selbstständigenalltag ein und die Fragen mehren sich: Wohin jetzt? Mehr Kunden? Mehr Umsatz? Mehr Arbeit? Und wenn ja, wie organisiert man Wachstum, ohne sich zu verzetteln? Wo sind die Knackpunkte, an denen es sich zu schrauben lohnt, bevor die Reise weitergeht?

Wachstumsschübe

Um zum Anfangsvergleich zurückzukehren: Babys wachsen nicht gleichmäßig, sondern in Schüben. Oft fallen die Wachstumsphasen mit körperlichem Unwohlsein zusammen, sind anstrengend und langwierig, scheinbar ziellos. Und dann, quasi unbemerkt, tritt eine neue Fähigkeit ans Tageslicht.

Auch Selbstständige kämpfen mit diesen Wachstumsschmerzen, den täglichen Entscheidungen und neuen Herausforderungen und übersehen dabei manchmal die überraschenden und ungeahnten Fähigkeiten nach Erreichen der nächsten „Kleidergröße“. Aber im Gegensatz zu Babys, die eigenständig wachsen, haben Selbstständige den Wachstumsprozess selbst in der Hand, sie bestimmen das Tempo, beschleunigen, schalten zwischendurch auch einmal einen Gang zurück. Sie können dafür auf Erfahrungen anderer zurückgreifen sich beraten lassen, wie sie Methoden und Handwerkszeug in ihrem Sinne nutzen können.

Projektschrauber-Tipp: Vor den nächsten großen Schritten nach vorn lohnt es sich, auch einmal einen Schritt beiseite zu tun, das große Ganze zu betrachten und die eigene Entwicklung zu planen. Das geht am besten in der Gruppe und mit professioneller Begleitung. Scheuen Sie sich nicht, diese Hilfe auch von außen zu suchen und anzunehmen. Mit gegenseitiger Unterstützung „wächst“ es sich viel angenehmer!

Struktur ist alles!

Wer einen durchgeplanten Tagesablauf hat, ist deshalb noch nicht strukturiert. Wer auf Biegen und Brechen seinen Plan durchzieht, ist am Ende nicht unbedingt erfolgreich. Organisches Wachstum gelingt dann, wenn die Ideen und Vorstellungen vom eigentlichen Ziel zum Unternehmen passen, in unsere Realität übertragbar und vor allem mit unserem Umfeld umsetzbar sind. Eine große Herausforderung, die jeden Tag von neuem auf Selbstständige wartet – und sich nicht delegieren lässt.

Das selbstbestimmte Handeln in der Selbstständigkeit sorgt für ein maximales Maß an Agilität, persönlicher Freiheit, Flexibilität, Spontanität – und eine hohe Schlagzahl an Aufgaben. Dabei gilt: Wachstum in der Selbstständigkeit geht nicht unstrukturiert voran – hier ist effektives Vorgehen und Selbstorganisation das Maß aller Dinge. Gute Planung und zielgerichtete Struktur kann klassischen Fallen vorbeugen, beispielsweise der „Zeit-Geld-Schere“: Viele Aufträge bedeuten viel Geld, aber deutlich weniger Zeit für Büroarbeit, Familie und Freizeit. Wer also Stoßzeiten im Voraus erkennt und einzelne Aufgaben delegiert oder Unterstützung dafür einplant, kommt seltener ins Schwimmen – eine Bürofachkraft für den ungeliebten und zeitfressenden Papierkram kommt auch für Freiberufler in Frage und hält den Rücken frei! Die Unterstützung durch einen Steuerberater ist ebenfalls gut investiertes Geld und spart viel Zeit und Nerven. Auch eine Putzkraft ist kein unnötiger Luxus, denn sie bedeutet unter Umständen zwei Stunden mehr pro Woche für das Unternehmen oder eine kleine Atempause.

Neben den wachsenden Papierstapeln füllt sich im Laufe der Woche auch das E-Mail-Postfach mit Anfragen und die Liste der unbeantworteten Anrufe auf dem Handy wird immer länger. Wie steht es mit dem Selbstmanagement, wann nehmen wir uns die Zeit dafür? Wer sich schnell verzettelt und buchstäblich nicht weiß, wo er anfangen soll, verschwendet wertvolle Zeit und bleibt am Ende frustriert zurück.

Projektschrauber-Tipp: Oft hilft es, das Problem buchstäblich auszusprechen: „Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll! Aber vielleicht weiß es jemand anders?“ Berufliche und private Netzwerke helfen, Situationen einzuordnen und auch, aus scheinbaren Sackgassen herauszufinden. Mit dem Problem ‚spazieren zu gehen‘ ist häufig der erste Schritt zur Lösung!

Wachstum kostet Geld. Den Kinderschuhen entwachsen, braucht das Unternehmen vielleicht mehr Platz, ein neues Büro, Equipment oder neue Software, die Selbständigen wollen sich in ihrem Fach weiterbilden und ihre unternehmerischen Fähigkeiten verbessern. Daher ist es auch hier sinnvoll, sich Zeit zu nehmen, um das wozu und wohin zu ergründen. So ist man in der Lage, gute Entscheidungen zu treffen und sie vor sich und dem Team oder der Familie zu begründen. Wer klug, vorausschauend und nachhaltig investiert, spart nicht nur Geld, sondern auch Zeit und Nerven.

Und zu guter Letzt: Wachstum geht mit Lernerfahrungen und im besten Fall Wertschätzung für das Gelernte einher. Wachstumsschmerzen und „Jugendsünden“ sind irgendwann Vergangenheit und die Erfahrungen fließen in den Arbeitsalltag ein. Für die eigene Motivation ist es sehr wertvoll, sich das immer wieder bewusst zu machen und daraus Kraft zu ziehen, um neue Ideen umzusetzen. Das immer wieder in den Alltag zu integrieren und die Orientierung zu behalten, kann jeder lernen: Wichtig ist, Methoden und Instrumente auszuwählen, die zu einem passen und den Umgang damit auszuprobieren und zu üben.

Projektschrauber-Tipp: Es gibt nicht das eine Erfolgsrezept für alle, jede Selbstständigkeit verläuft anders und ist abhängig vom Umfeld und den Erfahrungen der Unternehmerin oder dem Unternehmer. Es lohnt sich daher, verschiedene Formate auszuprobieren, um herauszufinden, wie man seine Zeit zum Reflektieren und Planen effektiv nutzen kann.