SELBSTSTÄNDIG SEIN UND DAS EIGENE UNTERNEHMEN LEITEN

17. Juni 2019 |

Sechs Schritte, um die Persönlichkeit zu stärken.

Früher war nicht alles besser, aber manches klar geregelt. Der erste Sohn bekam den Hof, der zweite die Kirche, der dritte den Krieg – die Aufgabenverteilung stand nicht zur Debatte. Der mehr oder wenig glückliche Erstgeborene konnte sich daher frühzeitig auf die Rolle des Hofherrn vorbereiten und hineinschlüpfen, wenn die Zeit gekommen war.

Wir wachsen an und mit der Rolle.

Heute wählen wir unsere Rollen selbst aus. Wir entscheiden uns meist aus eigenem Antrieb für die Verantwortung, welche die Geschäftsführung mit sich bringt – sei es, weil wir uns selbstständig machen oder weil wir einen Familienbetrieb übernehmen. Sehr häufig arbeiten wir zunächst in einem Ein-Personen-Unternehmen oder in einem kleinen Team mit flachen Hierarchien. Zuallererst sehen wir uns als die Fachleute für unser eigenes Produkt oder unsere angebotene Dienstleistung und fühlen uns sicher damit. Die Kunden kennen uns als zuverlässig, kompetent und organisiert. Die Rolle der Geschäftsführung stellt jedoch weitere Anforderungen an uns und wir müssen Tag für Tag lernen und hineinwachsen.
Was die Kunden nicht sehen: Der tägliche Zwiespalt, das Alltagsgeschäft mit seinen wiederkehrenden Aufgaben zu bewältigen und gleichzeitig strategische Ziele aufzustellen und zu verfolgen, fordert viel Selbstorganisation. Dabei dauert es seine Zeit, Routinen zu entwickeln. Wie komme ich von den ersten hart erarbeiteten Erfolgen zu einer planbaren Kontinuität, mit der ich auch mal Tiefs aushalte.
Perspektivisch besteht der Wunsch nach Wachstum, nach wirtschaftlicher Stabilität, nach Freiraum für sich und die Familie. Aber im Gegensatz zu Angestellten sind Selbstständige immer im Fluss, lernen unentwegt und entwickeln sich weiter – wenn auch bislang von außen unbemerkt. Die Innensicht, der Blick auf sich selbst und das eigene Tun und Können weicht daher oft von der professionellen Fassade ab.

Projektschrauber-Tipp: Typische Fragen unserer Teilnehmenden sind: „Ich frage mich manchmal, tue ich das richtige?“ „Gibt es eine Möglichkeit, effizienter zu arbeiten und mein Problem zu lösen?“ Hier hilft erfahrungsgemäß der kollegiale Austausch, ein Feedback aus einer Peer-Group. So konfrontiert man sich mit einem frischen Blick auf den ganz konkreten Sachverhalt und bekommt neue Erkenntnisse für den eigenen Alltag. Zudem erlebt man sich selbst als erfahren, weil man auch anderen durch Fragen und Informationen weiterhilft.

Gut gepflegtes Handwerkszeug: Die unternehmerischen Kompetenzen.

Der Weg zum Firmenwachstum ist ein anderer als der Weg zum Selbst als Unternehmerin oder Unternehmer. Um diese Rolle erfolgreich und im Einklang mit den eigenen Werten zu leben, brauchen wir spezielle Kompetenzen. Einige bringen wir mit, andere können wir erlernen und – im Laufe der Jahre – als gut gepflegtes Handwerkszeug immer dann aus der mentalen Schublade holen, wenn es klemmt, hakt oder quietscht. Wir sind Fachleute für unser Produkt und bilden uns in unserem Fachbereich selbstverständlich weiter. Die meisten von uns sind jedoch Autodidakten in der Geschäftsführung, die Kompetenzen, ein Unternehme zu leiten, unternehmerisch zu denken müssen wir uns oft erst erarbeiten. Netzwerke müssen gepflegt, die Auftragslage optimiert und das Geschäft ständig weiterentwickelt werden.
Doch manche Hürden lassen sich nicht so einfach auf eigene Faust überwinden. Oft ist es hilfreich, sich in einen Lernprozess zu begeben und dafür sogar aus dem Alltag rauszugehen, sich gezielt die Zeit zu nehmen und sich individuelle Lerninhalte festzulegen, die man sofort im Unternehmen anwenden kann.
Wir haben für uns sechs Schritte definiert, die die Grundlage unserer Arbeit als Projektschrauber bilden. Sie basieren darauf, dass wir alle das am besten tun, was uns motiviert, was Erfolg verspricht und was wir als machbar einschätzen.

1. Innehalten und sortieren: Was beschäftigt mich gerade und wo will ich hin?

Der Selbstständigenalltag ist voller Aufgaben, die schnell das ursprüngliche Ziel vergessen lassen. Daher ist es wichtig, sich die Idee und Zielvision für das eigene Unternehmen wieder vor Augen zu führen, an neue Gegebenheiten anzupassen und zu schauen, an welchen Hürden der Ideenfluss ins Stocken gerät. Wenn ich mir bewusst bin, wohin ich als nächstes möchte und analysiere, wie viel Kraft und Zeit mir dazu zur Verfügung steht, bin ich entschiedener und aktiver in meinem Vorgehen – und kann vor mir und anderen begründen, warum ich schneller oder langsamer ans Ziel kommen möchte.
Genau wie Führungskräfte großer Firmen brauchen wir als Einzelkämpfer in solchen Prozessen professionelle Begleitung und Moderation, die auf unsere individuellen Bedürfnisse zugeschnitten ist. Das hilft uns, wirklich sinnvolle Strukturen zu entwickeln und perspektivisch bessere Entscheidungen zu treffen.

2. Prioritäten setzen: Ich habe hier die Verantwortung.

Fluch und Segen der Selbstständigkeit: Für jede noch so kleine und große Entscheidung sind am Ende wir verantwortlich. Daher ist es gut, die Grundlagen zu klären, auf denen wir entscheiden und sie mit den eigenen Werten abzugleichen. Wenn ich weiß, wer ich als Unternehmerin oder Unternehmer sein will, was meine persönlichen Werte und Überzeugungen sind, worum es mir gerade vorrangig geht und worum auch nicht, in welcher beruflichen und privaten Umgebung ich mich befinde etc., sehe ich klarer. Ich kann prüfen, wo ich Erwartungen von außen entsprechen möchte und wo ich wirklich eigene Entscheidungen treffe, die ich selbst gut tragen kann. Diesen Umgang mit Entscheidungen – und damit das Chefin oder Chef sein – kann man lernen, am besten in einer Gruppe von Gleichgesinnten.

Projektschrauber-Tipp: Durch Erfahrungsaustausch, kollegiale Beratung und professionelle Begleitung erscheinen komplexe Aufgaben und Entscheidungen oft weniger bedrohlich. Ein wohlgesinntes Netzwerk fängt viel Spannung und Nervosität auf – und aus diesen Emotionen kann neuer Mut und Aufbruchstimmung werden.

3. Auf dem (richtigen) Weg: Die Selbstständigkeit und ich.

Der Weg zum Erfolg ist steinig, und jeder geht mit Rückschlägen anders um. Daher ist es zunächst wichtig, eigene Strategien anzuschauen und zu analysieren, wann sie funktionieren und wann nicht. Warum komme ich irgendwo mit meinem Ansatz nicht weiter? Es gibt zahlreiche Werkzeuge aus dem Projektmanagement, aber wie finde ich die, die ich gern nutzen möchte? Denn, nur diese werde ich tatsächlich verwenden. Zudem gilt es herauszufinden, wie ich mit Stress und Tiefschlägen umgehen kann, denn abwenden können wir es kaum. Da jede Person anders tickt und andere Voraussetzungen mitbringt, lohnt es sich, verschiedene Methoden zu vergleichen und auszuprobieren, welche mir am besten liegt.

4. Bewusst und mit dem richtigen Tempo: Selbst- und Zeitmanagement.

Zeitraubende Detailverliebtheit auf der einen Seite und Stressreaktionen auf der anderen, wenn die Deadline ihren Schatten wirft und der Kunde auf die Lieferung wartet? Kennen wir. Und zu selten fragen wir, wer oder was eigentlich das Tempo unserer Arbeit bestimmt. Es gibt viele Ansatzpunkte: Ist es die Motivation, die manche Aufgaben schnell, andere, frustrierende, langsamer macht? Stehe ich mir mit hemmenden Gedanken selbst im Weg? Welches Tempo ist für mich realistisch? etc. Mit ehrlichen Antworten kommt man näher an die Wirklichkeit und kann besser erfüllbare Pläne schmieden. Denn Zeitmanagement ist nur dort sinnvoll, wo auch Zeit für alle Aufgaben eingeplant ist. Das mindert den Frust über nicht eingehaltene Termine und spart damit Zeit, die man sonst mit Ärgern darüber und Jammern verbringt.

5. Ich müsste eigentlich …: Machen, aber richtig!

Alle ungeordneten „Ich müsste eigentlich mal …“ zusammentragen, sortieren, bewerten und einen sinnvollen Überblick über alle Pläne, Ideen, Wünsche und anstehende Aufgaben bekommen? Das geht. Ansatzpunkte finden und Schritte planen, wie ich meinen Zielen näherkomme – geht auch.
Aber, um an einem Vorhaben erfolgreich dran zu bleiben und am Ende damit meine Ziele zu erreichen, ist es unerlässlich, es sichtbar zu machen und nach innen und außen zu kommunizieren. Deshalb hilft es, sich selbst klar zu werden, was ich darüber denke, wie machbar und erfolgreich mein Vorhaben ist. Wir sollten benennen, zu welchem Zeitpunkt wir mit wem darüber kommunizieren – also „Wann ist was und wer dran?“ Zum Beispiel kann es sinnvoll sein, die Lebenspartnerin oder den Lebenspartner früh einzubeziehen, wenn man sich die Kindererziehung teilt, damit es nicht zu Engpässen kommt. Und auch wenn es nicht jedem Menschen in die Wiege gelegt wurde: Kommunikation kann man im geschützten Rahmen üben, und das macht erfahrungsgemäß oft viel Spaß.

Projektschrauber-Tipp: … eine bewusste Auszeit nehmen, um ohne Druck Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Wir machen das zum Beispiel in ein bis zwei Klausuren pro Jahr. Auch einmal außerhalb von Firma und Familie die unternehmerische und persönliche Ausrichtung in den Blick zu nehmen, ermöglicht es, konzentriert und effizient zu arbeiten.
Sonst kann dabei auch ein professionelles Coaching helfen. In einem klar strukturierten, festen Rahmen mit erprobten Techniken bleibt Raum für Kreativität, Selbsterkenntnis und persönliches Wachstum.

6. Genau mein Ding: Mit der individuellen Strategie die Unternehmerrolle ausfüllen.

Es sieht bei anderen vielleicht so leicht aus, aber jeder Unternehmer und jede Unternehmerin kämpft mit dem Alltag, mit Wachstumsschmerzen und der Fülle anstehender Entscheidungen. Wie alle das bewältigen, ist jedoch höchst verschieden – auch wenn es scheinbar prima Rezepte gibt, die in Form von Tipps und Ratschlägen auf einen einprasseln. Vorsicht damit! Wir sind davon überzeugt, dass Selbstständige es selbst in die Hand nehmen sollten, ihre Arbeit auf sich und ihr Umfeld zuzuschneiden. Wie sie das machen, können sie in guten Weiterbildungen lernen. Das hat dann vielleicht keine Standardmaße und entspricht nicht allen Erwartungen, positiv formuliert könnte man sagen, es ist maßgeschneidert. Auf jeden Fall schaffen wir uns so die Grundlage, bestmöglich zu arbeiten, gesund zu bleiben und dabei selbstbestimmt zu agieren.